Der gute Agent - Mythos und Realität

Aktualisiert: Okt 10

Wir alle machen irgendwann im Laufe unserer Karriere unsere Erfahrungen mit Agenturen und Agenten*. Und wir haben verschiedene Meinungen darüber, ob sie vertrauenswürdig sind und mit Erfolg für uns arbeiten. „Erfolg“ kann in diesem Zusammenhang für jeden von uns etwas anderes bedeuten. Da gibt es finanziellen Erfolg (klingelingeling!), künstlerischen Erfolg (die richtige Rolle im richtigen Moment!), Erfolg, der unser Selbstvertrauen stärkt (das Projekt streichelt mein Ego!), usw… Es gibt erfolgreiche Agenturen, die seriös und redlich arbeiten. Und es gibt eine Reihe von Kollegen, die sehr gute Erfahrungen mit Agenturen gemacht haben. Manche haben sogar so gute Erfahrungen gemacht, dass sie später gleich selbst eine Agentur gegründet haben. Wie auch immer. Ich möchte heute die nicht ganz so rosige Seite der Agenturwelt beleuchten und meine ganz privaten Erfahrungen und Beobachtungen schildern.

Ganz generell ist es für mich zweitrangig, Agenten in gut oder schlecht einzuteilen. Viel wichtiger ist mir, zu definieren WAS sie sind: ich halte sie ALLE, ohne Ausnahme, lediglich für Vermittler, für Verkäufer der Fähigkeiten anderer. Sie sind definitiv keine Künstler. Warum ist es so wichtig, das festzustellen?  Weil sich hier etwas verschoben hat.

Die Entscheidungsgewalt über seine eigenen Handlungen, die davon bestimmt werden, was sein künstlerisches Gewissen ihm einflüstert, sollte immer und ausschließlich beim Künstler selbst liegen. Aber diese Entscheidungsgewalt ist im Laufe der Jahre immer mehr vom Künstler zum Verkäufer gewandert. Der sagt ihm, wann, wo, auf welche Weise und wie oft er seine Künstlerschaft auszuüben hat. Leider sind Know how und Kompetenz nur selten mit gewandert, was dazu führt, dass Planung und Strategie des Verkäufers im schnelllebigen Operngeschäft immer seltener auf eine durchdachte, aufbauende, regenerative, altersadäquate und vor allem nachhaltige Karriere ausgerichtet sind. Gefragt sind die schnelle Kohle und die maximale Auslastung des Künstlers. Dauert diese „Strategie“ an, setzt eine Mischung aus Konkurrenz, Leistungsdruck und Verschleiß unweigerlich eine Negativspirale in Gang, die zuerst die Stimme, dann die Karriere nachhaltig beschädigt. Dann heisst es: der Nächste bitte!

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Der ideale Agent

Ein idealer Agent müsste für mich so aussehen: freundlich, empathisch, gebildet, robust genug, um den ganzen Ärger und Stress in unserem Geschäft schlucken und aushalten zu können; er muss bescheiden sein; gewillt, sich für mich ins Zeug zu legen, meine persönliche Karriere zu fördern, sie behutsam mit mir gemeinsam zu entwickeln, mein eigener, privater Workaholic… merkt ihr schon, worauf ich hinauswill?! Genau. Die Realität sieht völlig anders aus. Die Agentenpersönlichkeit, die Privatchauffeur, Buchhalter und Seelendoktor des Künstlers zugleich ist, darf man getrost zu den mythischen Figuren der Operngeschichte zählen.

Aber wir reden hier über uns. Wir reden über die 98% der Normalos in diesem Geschäft, über die echten, hart arbeitenden Menschen, nicht über mythische Figuren. Und auch Agenten sind normale Menschen und keine Superwesen. Dass auch sie in dieser ökonomischen Hierarchie, die so verharmlosend „Markt“ genannt wird, immer ohnmächtiger werden, wissen wir. Wir wissen auch, dass es viel zu viele Agenturen gibt. Und wir wissen, dass es unter diesen vielen Agenturen ein paar Riesen gibt, die nahezu die gesamte Konkurrenz mit ihren perfekt ausgebauten Netzwerken kontrollieren und korrumpieren. In der Wirtschaft nennt man solche Konstrukte „Kartell“. In der Opernwelt funktionieren sie nach einem einfachen Prinzip: Friss oder stirb!

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Grenzüberschreitungen

Wann überschreiten Agenturen die rote Linie? Ich gebe Euch einige Beispiele.

Als erstes möchte ich mit dem Thema Vorsingen beginnen. Kann es tatsächlich sein, dass es Pseudo-Vorsingen gibt, für die man unverschämt hohe Teilnahmegebühren (ab 500€ aufwärts) bezahlen muss, um dann bei einem solchen Schein-Casting einer angeblich hochkarätigen Auswahl an Intendanten und Agenten gegenüber zu stehen, die begierig darauf warten, leere Häuser und Roster zu füllen. Kann das wirklich sein? Wer hat durch solch ein „bezahltes Casting“ schon hochwertige, fair bezahlte und künstlerisch befriedigende Engagements bekommen? 

Dann sind da die sogenannten Exklusiv-Verträge: auch hier wissen wir: die darf es in der EU gar nicht geben, und falls es sie doch gibt, sind sie nicht EU-Rechtskonform. Trotzdem werden solche Verträge immer wieder aufgesetzt, unterschrieben und von den Unterzeichnern zu ihrem Leidwesen streng eingehalten.

All-in-Verträge: es ist nicht einzusehen, warum man dem Agenten den hohen Provisionsanteil einer fiktiven Gesamtgage erstatten muss, die es in der Realität für den Künstler nach Abzug aller anfallenden Unkosten für Reisen, Unterkunft und Verpflegung gar nicht mehr gibt.

Ein besonderer Leckerbissen sind die feinen Netzwerke zwischen Wettbewerben, Vermittlern, PR-Agenturen und Intendanten. Diese „Joint Venture“ finde ich besonders entbehrlich, vor allem wenn sie wie am Fließband Pseudo-Starlets produziert. Pseudo-Starlets, fragt Ihr?


Hier ein typischer Steckbrief:

Qualifikation: Gewinnerin irgendeines Wettbewerbs, Hauptsache organisiert von einem einflussreichen, wirtschaftlich potenten Veranstalter mit perfekt austarierter Hebelwirkung für den „Karrieredurchbruch“

Aussehen: jung, schlank, sexy

Einsatzgebiet: vor dem Mikrophon klassische Opernarien im geilen Lolita-Look säuseln


Und genau so kann man sie dann bei der nächsten perfekt inszenierten Hochglanz-Preisverleihung hübsch auf die Bühne stellen - bamm! A star is born! Aber nur bis zur nächsten Gewinnerin, ein Jahr später.

Zuletzt, der Mythos von der Loyalität. Viele Agenten phantasieren über die Einhaltung ungeschriebener „Gesetze", in denen steht, wie Künstler sich den Agenturen gegenüber zu verhalten haben. Da gibts zum Beispiel den Freikarten-Mythos: man hat einem Agenten immer Freikarten zu verschaffen, obwohl die Opernhäuser mit Frei-, oder Regiekarten zunehmend knausriger werden.

Oder der Mythos vom Roster: wird ein verheissungsvoller „Jungstar“ einmal in einem Agentur-Roster geführt, dann könnte es für ihn schwer werden, wieder rauszukommen. Auch dann, wenn diese Agentur ihm nichts vermittelt. Scheinbar dürften manche Agenturen der irrigen Meinung sein, dass ein Roster sie dazu ermächtigt, bei jeglicher Provision mit zu schneiden, auch wenn andere Agenturen den Job gemacht haben.

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Schmerzliche Erfahrungen

Ich habe mit verschiedenen Agenten meine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht. Ich habe meine Streitereien selbst durchgefochten, teilweise sogar mit Hilfe meines Steuerberaters. Der kam vor allem dann zum Einsatz, wenn Agenturen allzu eigennützige fiskalische Interpretationen hinsichtlich meiner hart verdienten Gage durchsetzen wollten. Oft musste ich auch unerwartete Probleme selber auslöffeln, weil der Agent wichtige Infos „nicht weiter geleitet“ hatte. Jaja ich weiss, man soll am Besten immer alles selbst nachprüfen - aber wer hat schon Zeit und Nerven dafür!?

Mittlerweile hat man als freischaffender Künstler einen ungeliebten Zweitjob, denn die "Büroarbeiten" sind ziemlich zeitraubend geworden: Reisetickets buchen, Unterkünfte suchen, Kommunikation mit dem Veranstalter/Opernhaus bezüglich Dispo und Notenmaterial führen, usw.

Ich frage mich an dieser Stelle, ob 10%, 15% oder 20% der Bruttogage als Agenturprovision wirklich noch gerechtfertigt sind, wenn der Künstler all diese Dinge selbst erledigen muss. Oder ob sie speziell dann gerechtfertigt sind, wenn man aus irgendeinem Grund in einen Konflikt mit dem Opernhaus gerät und sich selbst helfen muss (denn Agenten sind nach meiner Erfahrung in der Regel konfliktscheu und lassen dich im Streitfall im Regen stehen).

"Wir tun alles für unsere Künstler" - solche PR-Sprüche machen sich auf einer Website ganz gut. Sie sind aber in den allermeisten Fällen reine Fiktion. Der einzige Moment, in dem ein Agent meiner Meinung nach Talent zeigt und gekonnt performt, ist der Moment der Gagenverhandlung. Das erstaunt kaum, denn es liegt in seinem eigenen Interesse, die Gage hoch zu treiben. Er ist ja, wie wir wissen, vor allem Verkäufer.

Eines noch: theoretisch sitzen Künstler und Agent im selben Boot, weil der Agent die Interessen des Künstlers nach außen vertreten sollte. Auch die Frage, ob der Künstler einen Vertrag mit einer Agentur eingehen möchte, wäre nach obiger Annahme eine win-win-Situation und beruht auf totaler Freiwilligkeit, nicht wahr? Nein. Oft wird diese Entscheidung mehr oder weniger subtil erzwungen, indem Agenturen ihre Künstler mittels „interner“ Vereinbarungen dazu „überreden“, Verträgen zuzustimmen, die vor allem der Agentur nützen, Schweige-, Knebel- und All In-Klauseln inklusive. Diese Vertragskonstrukte halten in den meisten Fällen einer rechtlichen Überprüfung zwar nicht stand, lösen im Künstler aber nachhaltig Stress und psychischen Druck aus und schränken seine Möglichkeiten ein.

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Erkenntnisse und Kuriositäten

Ich finde es problematisch und erniedrigend, dass man im Operngeschäft heutzutage ohne Agentur überhaupt keinen Job mehr bekommt, egal welche künstlerische Qualität man bietet. Es ist für mich als Künstler unerträglich, verschiedenen Agenturen ausgeliefert zu sein. Es ist auch unerträglich, meine Künstlerschaft, die seit vielen Jahren anerkannt und gefragt ist, immer wieder bei Vorsingen für Menschen unter Beweis stellen zu müssen, deren Grundkenntnis über Gesang und Stimmen dramatisch abnimmt.

Mittlerweile dürfen nämlich allerlei Quereinsteiger in künstlerische Entscheidungsprozesse eingreifen: weil Theaterleiter zu träge zum Reisen geworden sind, tingeln sogenannte „Opera Consultants“ herum und pflegen ihre Netzwerke. Die haben den künstlerischen Kernberuf zwar nie ausgeübt und ihr Know How aus Halbwissen mühsam zusammengestoppelt, dafür verteilen sie meisterhaft blumige Worthülsen, fachliche Binsenweisheiten und - last but not least - privilegierte Jobs an besonders willfährige Künstler ihrer Wahl. Wieviele, einst für Künstler vorgesehene Stellen im Theaterbetrieb heute mit solchen „Beratern“ besetzt sind, mag ich mir gar nicht ausmalen. Und vor genau diesem schrägen Headhunter-System, dass seine einzige Daseinsberechtigung daraus schöpft, die Fähigkeiten anderer zu beurteilen, müssen sich arrivierte Künstler heutzutage schützen, um nicht von Schmalspur-Impresarios aus Kosten-, Alters- oder Geschmacksgründen abserviert zu werden.


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Lösungswege und Ausblick

All das muss sich ändern. Und ändern kann es sich nur, indem das gesamte System neu aufgesetzt wird: Abzock-Castings gehören von uns Künstlern aufgedeckt und an den Pranger gestellt. Exklusiv-, Knebel- und All-in-Verträge aller Arten müssen streng durchleuchtet und gegebenenfalls verboten werden. Die Wettbewerbs-Industrie mitsamt ihren Geschäftsmodellen muss auf ein Minimum reduziert und ihre alten Gönner in die Pension verabschiedet werden. Schweigeklauseln, interne Absprachen und strukturelle Geheimniskrämereien ohne rechtliche Grundlage müssen juristisch abgestellt werden. Provisionskosten gehören angepasst und fair abgerechnet. Für Agenturen müssen endlich glasklare Regeln gelten, deren Einhaltung tatsächlich kontrolliert wird und ihre Aufgabenbereiche müssen gesetzlich streng definiert werden. Begleitend dazu müssen anhand von öffentlich zugänglichen Job-Portalen gerechte Alternativen geschaffen werden, um an von der öffentlichen Hand geförderten Häusern, Festivals und Konzerten einen fair bezahlten Job auch ohne Agenturen bekommen zu können. Kennerschaft und Kompetenz müssen in den Chefetagen der Kulturbetriebe endlich wieder Einzug halten.

Die Agenturen sind nicht das Gegenmittel zu den immer monotoneren Darbietungen unserer Hochkultur, sie sind meiner Meinung nach deren Verursacher. Es bleibt zu hoffen, dass sie irgendwann zur Einsicht gelangen, dass ihr Dienst an der Entwicklung, die zu dieser kranken Opernwelt geführt hat, ein schlechter war. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich wieder in Erinnerung rufen, die Verkäufer der Fähigkeiten anderer zu sein. Denn sie werden immer nur so gut performen, wie ihr „Produkt“ performt. Und wenn ihr Produkt nicht performt, gehen sie unter. Das haben sie hoffentlich in der Corona-Zeit erkannt.

Es ist höchste Zeit, dass die Opernwelt zu einer neuen Achtung und Demut vor ihren Künstlern findet, den Kniefall vor der Ökonomie und selbst ernannten Experten beendet und dem strukturierten Menschenhandel hinter den Kulissen endlich ein Ende setzt.

*In diesem Text wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit oft das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mit gemeint.

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