Die goldenen Sängerregeln

  1. Immer lächeln. Geschieht dir unrecht, lächle, du bist nur ein kleines Rädchen im Getriebe, austauschbar und als kleine Figur auf der Bühne wirklich unwichtig.

  2. Der Intendant hat recht, auch, wenn er unrecht hat - schliesslich hat er den Überblick. Auch hier gilt: lächeln. Für den Bühnendarsteller ist das auch eine gute schauspielerische Übung, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

  3. Der Dirigent hat recht, auch wenn er unrecht hat. Zu fordern, dass der Schlag des Dirigenten lesbar und im Takt sein sollte ist ein weit verbreiteter Anfängerfehler. Wer das trotzdem artikuliert ist recht kurz Anfänger und dann nichts mehr. Man muss begreifen, dass es hier um Kunst geht, im besten Fall um die Selbstdarstellungskunst des Dirigenten, welcher selbst schon per se unter weltweitem Artenschutz steht.

  4. Der Regisseur hat recht, auch, wenn er unrecht hat. Seine monatelangen Vorbereitungen führen zu einem stringenten Probenprozess, in dem der Sänger zu recht Marionette ist. Die quälenden Proben im Schauspiel, wo jeder seine Meinung hat und auch noch äussert (Schauspieler sprechen eben gern) sind im Musiktheater nicht anzutreffen (Sänger singen ja, sie sprechen seltenst, und wenn, ist es nur lächerlich).

  5. Der Bühnenbild- und Kostümbildner hat recht, auch wenn er unrecht hat. Gesang, Hören und Sehen, Orientierung auf der Bühne, das ist nun wirklich nicht wichtig. In unserer fortschrittlichen Welt des 21. Jahrhunderts gilt das Primat des Visuellen, auch auf der Bühne. Du kannst nicht gut hören und sehen während du singst? Wichtig ist, dass die Produktion visuell Aufmerksamkeit erregt, in den Medien ist, du bist nur ein kleiner Puzzlestein, kannst das grosse Ganze nicht wahrnehmen und beurteilen. Also stell deine Bedürfnisse bitte hinten an.

  6. Der Kritiker hat Recht, auch, wenn er unrecht hat. Sei froh, wenn in der Kritik dein Name überhaupt erscheint, wenn auch nur in einem Satz zusammen mit anderen Namen. Der Kritiker ist vollauf damit beschäftigt die Arbeit des Regisseurs, des Bühnen- und Kostümbildners zu beurteilen in ihrer Wirkung und ihrem möglichen Platz in der Geschichte des Musiktheaters. Visuell versteht sich. Ob sich jemand um die Personenführung gekümmert hat ist nun wirklich nicht relevant, das Publikum versteht diese unsinnigen Geschichten in der Oper eh nicht. Und Gesang ist einfach Geschmackssache. Wie soll man da auch zu einem Urteil gelangen, jedes Haus hat eine andere Akustik, offene Bühnenbilder lassen den Klang der Sänger nur schwer oder gar nicht zum Publikum gelangen. Man singt ja eh nur für sich selbst, ist ja ein Hobby.

  7. Der Politiker hat recht, auch, wenn er unrecht hat. Der Intendant wird durch Politiker bestellt, die im besten Fall im selben Herrenclub sind. Dann kann man Sonntags auch mal zusammen Golfen. Erfahrungen in Mitarbeiterführung sind bei einem Intendanten nicht vonnöten, er agiert in einem überlieferten, soliden Machtgefüge des 19. Jahrhunderts, seine Angestellten sind seine Untergebenen. Hier greift also der Denkmalschutz, eine strenge Behörde. Voraussetzungen dafür, als Intendant zu reüssieren: schlaue Mitgliedschaften in Clubs, Bünden etc. und gut reden können, die Politiker reden eh schon soviel und sind froh, auch mal jemand vermeintlich Gescheitem zuhören zu können.

  8. Das Publikum hat recht, auch, wenn es unrecht hat. Hauptsache, man sieht dem Sänger die Anstrengung an. Das ist der Beweis für Leistung. Man kann vom Publikum nicht erwarten, die Hörgeräte ständig zu kalibrieren. Das Orchester zu laut, der Sänger zu leise. Also Hörgerät herunterregeln, die Augen benutzen (sofern das Bühnenbild erträglich ist, sonst auch die Augen zu machen bitte). Je näher man dem Ende der Applausreihenfolge kommt, desto wichtiger die Rolle, ergo der Sänger. Je mehr der sich auch sichtlich verausgabt, sich angestrengt und die hohen Töne herausgepresst hat, desto mehr Applaus verdient dieser. Das erfahrene Publikum weiss das, schliesslich hat man nicht erst seit gestern ein Abonnement.

  9. Die Agentur hat recht, auch, wenn sie unrecht hat. Die zahllosen vom Sänger zu zahlenden Vorsingen dienen der Vorbereitung auf den Job, schliesslich ist eine ausgedehnte Reisetätigkeit ein Qualitätsmerkmal eines Sängers.

  10. Die Sekretärin vom Intendanten hat recht, auch wenn sie unrecht hat. Schliesslich sitzt sie im Zentrum der Macht. Sie bestimmt über die Termine des Intendanten wie auch über die Termine der Untergebenen mit diesem. Es bürgert sich auch aus gutem Grund immer mehr ein, dass die Sekretärin bei Vorsingen nach ihrer Meinung über Sänger gefragt wird. Schliesslich ist sie es, die im täglichen Betriebsablauf mit diesen Sängern umgehen muss.

  11. Conclusio: Der Sänger hat unrecht, auch, wenn er recht hat. Aus diesem Grund lächle er nur immer schön (bei schiefen Zähnen bitte vorher zum Zahnarzt), um damit diesen Makel zu überdecken. Auf die weibliche Form wurde in diesem Text wo es nur geht verzichtet.

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