Schrödingers Künstler oder Wie Utopias Festspiele in Wirklichkeit gerettet wurden

Aktualisiert: Okt 10

Dieser Text gibt die Meinung des Autors wieder:


Die Festspiele sind gerettet. Die Stadt jubelt. Die Präsidentin hat wie eine Löwin gekämpft. Während andere Groß-Festivals im Tages-Rhythmus vor der großen Seuche einknickten, ignorierte die prophetische Retterin deren Kapitulation und beharrte trotz stets präsenter Infektionen trotzig auf ihrem „Fahrplan“ zum sommerlichen Kulturvergnügen.

Denn die Utopischen Festspiele haben auf Zeit gespielt. Sie haben sich auch viel Zeit genommen: zum Beispiel dafür, Spielplanänderungen, Umbesetzungen und Durchführbarkeitsbedingungen durch zu kalkulieren und diese Änderungen in diversen Verträgen juristisch abgesichert ausformulieren zu lassen. Anwaltsjobs sind eben krisensicher.

Irgendjemand wird den Preis für den Trotz (und für die Anwälte) dennoch bezahlen müssen.

Es sind harte Zeiten und Opfer müssen gebracht werden.


Auf der Website der Festspiele kann man neben bereits trivial anmutenden Vorsichts- und Hygiene-Maßnahmen weitere Elaborate banger Krisennächte lesen: Reduktion der Sitzplätze; Seuchentests für alle Mitwirkenden; personalisierte Eintrittskarten; Einbahnsysteme für Publikumsströme; farb-codierte Gruppen probender Mitarbeiter*, darunter eine rote Gruppe für jene Künstler, die den Mindestabstand nicht einhalten können, letzteres ist in diesen Zeiten wahrlich eine treffende Farbwahl.

Gesungen soll so wenig wie nur irgend möglich werden, hat sich doch trotz bereits mehrfach belegten Gegenstudien die landläufige Meinung durchgesetzt, dass Sänger und Bläser ganz besonders virulent um sich spucken. Vom einstigen Opern-Feuerwerk bleiben lediglich „Elektro“ (tendenziell verstörend) und „Così van Titte“ (tendenziell ermüdend) als ausgeklügelter dramaturgischer Kontrast übrig. Im Sprechtheater wagte man es neben vielen anderen Absagen nicht, auch noch die ikonische Jederfrau dem Sicherheitsgefühl entfesselter Kulturtouristen zu opfern. Die wurde wohl vor allem deswegen am Spielplan belassen, weil sich eventuell freigesetzte Viren vom Domplatz aus doch relativ leicht in die Abendluft verflüchtigen dürften.

Von den vielen Chören, die normalerweise zu den Festspielen anreisen, ist nur die Grande Dame und zugleich Flaggschiff aller Festspielchöre übrig geblieben: die Konzertvereinigung Singoftschön. Auf die Hälfte der Besetzung zusammengestrichen, aber dafür das Künstlerego derjenigen, die noch dabei sein dürfen, besonders bauchpinselnd, denn: ihre Profession ist wieder gefragt!

Auch Utopias Wirtschaft, Gastronomie und Hotellerie atmet unter der leichten Lockerung des Würgegriffs ein wenig auf. Natürlich, man wird erneut alles geben, um den Touristen-Nepp auf die Spitze zu treiben, aber so rücksichtslos wie in vergangenen Festspielsommern wird man die leichtgläubigen Opfer raffinierter Groß-Utopia-Werbung nicht mehr ausquetschen können. Dafür könnte sich dem Auge des geneigten Betrachters endlich wieder einmal die Aussicht auf so manche Sehenswürdigkeit erschliessen, die während der letzten Jahrzehnte hinter sich träge dahin wälzenden Menschenmassen verdeckt bleiben musste… es ist eben ein Pandemie-Jahr, da ticken die Uhren anders. Opfer müssen gebracht werden.

Apropos! Die ersten Opfer sind immer die Schwächsten. Künstler zum Beispiel bieten sich da hervorragend an. Denen sagt man nach, außerhalb ihres Theaterumfelds nichts auf die Reihe zu bekommen. Speziell Gesangskünstler sind ganz besonders schlechte Kämpfer, wenn es um ihre eigenen Rechte geht, denn sie sind selbstkritisch bis zum Exzess und führen fehlenden Erfolg oder Versagen zuallererst auf sich selbst zurück. Und wenn sie aufmucken, sind sie im Nu als renitent verschrien und auf der Stelle arbeitslos. Entgegen den allermeisten Klischees ist der allergrößte Teil der Sänger auch nicht von Reichtum gesegnet und darum nur höchst selten mit einem Team von kampflustigen Rechtsanwälten ausgestattet. Abgesehen davon will man es sich ja sowieso mit niemandem verscherzen. Es sieht also alles danach aus, als könnte man Künstler relativ leicht zu Opfern machen und dennoch ungestraft davonkommen.


Schrödingers Künstler

Als Mitte März alles angehalten wurde, wurden die darstellenden Künstler und das Bühnenpersonal aus ihrem gewohnten Theater-Becken gefischt und am „Schrödinger-Strand“ aufgelegt, wo sie seitdem nur noch hilflos mit den Flossen schlagen und zahnlos blubbern können. Lediglich von den Kabarettisten, bei denen Biss zur handwerklichen Grundausrüstung gehört, kamen ein paar lautere Blubbs, die prompt ein wenig Eindruck machten.

Dann gab es Künstler, die bei einem Sommerfestival angeheuert hatten. Diejenigen, die einen Vertrag mit Festivals hatten, welche im ersten Schwung abgesagt wurden, hatten bis Mitte Juni immerhin drei Monate Zeit, sich einen anderen Job zu suchen - oder bei Eltern oder Freunden einzuziehen. 

Diejenigen aber, die von den Utopischen Festspielen bis Mitte Juni aufgrund wohlweislich aufrecht erhaltener Verträge am Schrödinger-Strand abgelegt wurden, um später eventuell wieder in das Festival-Becken geschmissen zu werden, konnten in dieser Zeit nicht einmal das tun, denn sie mussten ja ihren Verträgen die Treue halten. Dass die meisten Künstler bis Mitte März bereits erhebliche Vorarbeiten geleistet hatten, weil das Studium so mancher Oper nicht wochen- sondern monatelange Vorbereitungen benötigt, war dabei nur ein kleines Detail am Rande.

Storniert ein Veranstalter einen Vertrag für Juli und August im Juni, probt mit seinem Dienstnehmer aber bereits seit dem Frühjahr bis zum Sommer an Projekten (wie das etwa bei Mitgliedern der Konzertvereinigung Singoftschön der Fall ist, die unter Androhung von Gagenabzügen bei Absenzen bereits Monate im Vorhinein zu proben beginnen), hält er die Künstler von Jänner bis August in Evidenz und hindert sie maßgeblich daran, in dieser Zeit anderswo ihr Einkommen bestreiten zu können.

Wenn schon Kulturpolitiker von solchen Details meist keine Ahnung haben und sie wahrscheinlich auch gar nicht kennen wollen, ist doch eines klar: die Utopischen Festspiele kennen diese Vorgänge ganz genau.

Über 1000 Künstlern, die bis Mitte Juni bereit standen, wurde Mitte Juni mitgeteilt, dass ihre Dienste nicht mehr benötigt werden, man sie aber gerne für nächstes oder übernächstes Jahr oder sonst irgendwann in Evidenz halten werde, falls die entsprechenden Stücke eventuell doch gespielt werden. Darüber hinausgehende soziale Abfederungen für diese Berufsgruppe wurden seitens der Festspiele nicht angedacht, denn derlei Dienstnehmer können ja auch am Balkon spielen oder vorm Supermarkt betteln, beim Augustin Verkaufen Lieder trällern oder einfach wieder bei den Eltern einziehen. Dass darüber hinaus manche das Quartier, das sie in Utopia für zwei Monate buchen mussten, schon bezahlt haben oder noch bezahlen müssen, weil sie die Buchung nicht mehr stornieren konnten, tut da auch nichts zur Sache. Und dass der Sängermarkt ein sehr internationaler ist, zu dem viele nun Arbeitslose oft aus dem Ausland, teils sogar aus Asien, zu Vorproben angereist sind, natürlich auch nicht.

Wir Künstler rechnen immer mit derlei Katastrophen. Außerdem beziehen wir eventuelle Kündigungen ohnehin auf unsere eigene, unzureichende Leistung und beschweren uns so gut wie nie. Falls 2020 in Utopia aber doch jemandem der Sinn nach Beschwerde gestanden wäre: auch das Sich-beschweren-Können wurde noch durch den Umstand erschwert, dass mit Stand 16. Juni offenbar keinerlei Verträge aufgelöst worden waren oder neue Verträge ausgefertigt wurden. Alles, was es gab, war eine formelle E-mail, in der man - juristisch wasserdicht - lediglich einige Absichten formulierte, die natürlich nicht einklagbar sind.

Da ist es auch kein Trost, dass andere vorbereitende Arbeiten, wie etwa in Auftrag gegebene und fertig gestellte Kostüme, seitens der Festspiele selbstverständlich entgolten wurden. Auch, wenn die Kostüme nun in Lagern verstaut und in späteren Festspielsommern vielleicht wieder umgenäht werden müssen, weil manche Künstler, für die sie ursprünglich angefertigt wurden, extrem abgemagert sein werden. Praktischerweise wurde uns von der Marktforschung in Seuchen-Zeiten medial eingehämmert, dass Künstler ohnehin die am wenigsten systemrelevante Berufsgruppe überhaupt sind, übrigens dicht gefolgt von den Marktforschern…


Und nun, wer könnte für den Gagenausfall aufkommen?!

Die Festspiele? Moralisch gesehen wären sie natürlich in der Pflicht, aber was ist schon moralisch, in einer durchökonomisierten Scheinwelt? Die Festspiele fallen also aus und berufen sich gekonnt auf ihre wirtschaftliche Sorgepflicht, welche ihnen gebietet, nichts zu bezahlen, was nicht geleistet wurde.

Der Staat? Ja, der könnte einspringen! Es waren ja staatlich verordnete Bestimmungen, die die drastische Umgestaltung des Programms bedingt haben. Aber es dürfte der Politik noch nicht klar geworden sein, dass darstellende Künstler eine zeitlich lineare Leistung erbringen, die meist weit über den Vertragszeitraum hinausgeht und sich nicht durch einen lückenhaften und auf minimale finanzielle Hilfen ausgelegten Härtefallfonds für punktuelle Zeiträume ersetzen lässt.

Viele Kolleg*innen haben sich darum bemüht, aus diesem Fonds entschädigt zu werden. Einige Glückliche konnten 1000 Euro im Monat bekommen. Andere, fleißige Kolleg*innen, die ab Mitte März nichts mehr zu tun hatten, aber noch kleine Gagen aus vorangegangenen Monaten aufs Konto bekommen haben, sind um eine Entschädigung gänzlich umgefallen, da dafür gar kein Einkommen mehr vorhanden sein durfte, nicht einmal läppische 200 Euro aus einem Jänner-Auftritt.

Bezüglich Künstlern, die nur sehr wenig verdienen, meint der Staat scheinbar, dass sie es in Krisenzeiten auch um 500 Euro im Monat schaffen, denn sie müssten an prekäre Verhältnisse schon gewöhnt sein. Ansonsten hätten sie sich in „normalen Zeiten“ ja darum bemühen können, mehr zu verdienen.

Bei 500 € monatlichem Einkommen kann man durchaus aufregende Erwägungen anstellen: entscheidet man sich für Miete, Strom und Handy oder doch lieber für etwas zu essen und Klopapier? Oder sucht man sich schnell einen Partner, der einen erhält, auch wenn man sich diesem freiwillig sonst niemals an den Hals geworfen hätte? Ach ja, Eltern, bei denen man anklopfen könnte und die einem umgehend Vorwürfe machen, man hätte etwas Gescheites lernen sollen, haben einige Künstler auch noch...

Unser Großohr der Nation, das immer öfter durch weitblickende Wirtschaftstipps wie die Empfehlung zum Kauf eines Eigenheims mit 20 als Mittel gegen spätere Altersarmut aufhorchen lässt, findet: wer die Kriterien des Härtefallfonds nicht erfüllt und folglich nichts daraus bekommt, kann nur ein Verbrecher sein? Genau. Künstler und Verbrecher entstammen bekanntlich ohnehin ähnlichen Milieus. Wer nicht willens ist, sich zum Spargelstechen oder in der Altenpflege zu melden, soll schauen, wo er bleibt. Das nennt man Arbeitsanreiz.

Irgendwann, wenn keiner mehr die Musik aus der Konserve hören kann und doch ein bisschen Live-Musik gefragt wäre, wird man sich wieder nach ein paar Schrödinger-Künstlern umschauen: einige werden verhungert sein, einige werden sich in Erkenntnis ihrer ökonomischen Sinnlosigkeit systemrelevanteren Branchen zugewandt haben. Aber einige, und darauf setzen sicherlich schon heute viele unserer kulturellen Entscheidungsträger all ihre Hoffnungen, werden ihre Stimmchen für den großen Moment warmgehalten haben, um bereit zu sein, wenn man sie endlich wieder anstupst, damit sie glücklich lächelnd ihre beschwingten Lieder zwitschern.


* Obwohl aus Gründen der Lesbarkeit im Text die männliche Form gewählt wurde, beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.

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